​Getting things done – das ist was ich will. Dinge zu Ende bringen und erledigt haben, das macht mich zufrieden. Für manche von euch ist das vielleicht eine Selbstverständlichkeit, ich hingegen habe große Mühe gehabt über lange Strecken produktiv zu sein, ohne mich immer wieder durch kleine Ablenkungen zu “motivieren”.

Die Betreffzeile einer Email klingt nach Komplikationen? Erstmal kurz Strg-T, Spiegelonline abchecken und kurz News lesen. BAM! 30 Minuten sind weg, ich muss auf den Zug und verschiebe die Mails auf morgen. Der bevorstehende Anruf birgt Streitpotential? Ah – erstmal kurz noch auf Insta checken was abgeht, vielleicht finde ich ja Inspiration für die richtige entspannte Grundeinstellung. Meine persönlichen Finanzen wünschen sich eine strukturierte Monatsübersicht? Ja wird gemacht, aber kurz erst noch ein bisschen Handelsblatt lesen und N-TV gucken, das ist ja in gewisser Weise schon ein Schritt in diese Richtung.

Manche nennen das Prokrastination: das Aufschieben von Dingen auf die man keine Lust hat. Das Ablenken vom Erledigen, das Tausend Dinge anfangen aber keine zu Ende bringen. Als es Ende Februar im GRO* darum ging, eine neue Challenge des Monats für März ‘17 festzulegen, war ich fest entschlossen dieses Problem anzupacken.

Ich verschwende zu viel Zeit. Ich meine nicht das auf einem Stuhl sitzen und in die Natur schauen-Zeitverschwenden. Ich rede von dem durch Instaprofile flitzen, random News Seiten lesen, Facebook-Seiten abchecken-Zeitverschwenden.

Im Zug, im Bad, in der Mittagspause – in jedem freien Moment fährt meine Hand in meine Hosentasche, zieht ein Handy heraus, entsperrt es und drückt auf irgendeine App um irgendetwas zu konsumieren: Fotos gutaussehender und den Moment ihres Lebens-habender Menschen, Textzeilen über grausame Taten irgendeines Barbaren in 6000 Km Entfernung, Politik irgendwie irgendwas und ein bisschen Kanye West.

Hi, mein Name ist Lionel, ich bin 26 Jahre alt und meine Challenge des Monats für März 2017 ist der totale Verzicht auf den Konsum von Medien.

Der Umgang mit Medien darf ausschließlich produktiver Natur sein. Ausnahme: Bücher lesen und Musik hören.

Praktisch bedeutet das: keine Tagesschau, kein Netlfix, keine Magazine, keine News-Websites, keine Entertainment Websites, kein 9Gag, kein Insta, kein Facebook, kein Snapchat, keine Filme Streamen, Youtube nur zum Musik hören, keine Zeitung lesen, kein Radio, kein gar nichts. Es bedeutet, Mediengüter zu meiden wie der Teufel das Weihwasser.​

Entzugserscheinungen. Ich stehe im Bus, auf dem Sitz neben mir liegt eine Zeitung, bauchwärts. Jemand sollte sie auf ihren Rücken drehen, sodass die Titelseite zur Decke zeigt, wie es sich gehört, dann würde mein Blick zufällig über die Headline streifen und ich wüsst was dort stünde. Ich habe eine mehrstündige Zugfahrt vor mir, und finde, dass so ein Spielfilm doch etwas feines ist, und irgendwie ja auch wichtig – ich meine, so steckt soviel Arbeit drin, so viel Hingabe, das sollte man sich schon anschauen.

In der ersten Woche beobachtete ich einen merkwürdigen Automatismus. Immer wieder wenn mein Hirn mich dabei ertappte gerade anscheinende “nichts-zu-tun” zu haben, schoss meine Hand in die Hosentasche um mein Handy zu zücken. Oft musst ich mich bremsen, die geraaaaaaade geöffnete Insta- oder Browser-App schließen, ein kleines ernstes “Nein” aussprechen um mich danach wie ein erwischter Bub zu fühlen.

Auf einmal sitze ich zu Hause auf meinem Bett, es ist 20.00 Uhr und ich habe entschlossen Feierabend zu haben. Normalerweise würde ich die nächsten drei Stunden Family Guy, Westworld, oder irgendeine Neuerscheinung auf Netflix gucken. Stattdesen schnappe ich mir “Das Parfum”, ein Roman den ich schon lange mal lesen wollte, lege mich in mein Bett und beginne zu lesen.+

Ab sofort habe ich immer ein Buch in meinem Mantel. Im Bus, im Zug, während ich zum Büro laufe habe ich ein Buch in der Hand und lese. Eigentlich aus langeweile. Aber wenn ich das Buch wieder zurückstecke, fühle ich mich voller, ernährt, ruhiger. Das flüchtige zappen auf dem iPhone-Bildschirm hatte mich stets hektischer hinterlassen, mental wuselig. Wie Snickers vs. Orange – das eine schmeckt besser und macht mehr Lust, das andere bietet sich sanft an und fühlt sich, nach dem Konsum, richtig gut an.

Ich kann gar nicht zum Ausdruck bringen, wie sehr mich dieser Monat verändert hat. Heute ist der letzte Tag des Monats und ich fühle mich – fähig, entscheiden zu können. Ich muss nicht mehr. Meine Automatismen scheinen durchbrochen. Ich schreibe diese Zeilen und habe keinen Drang mehr danach Newsseiten zu lesen, Apps zu öffnen und Facebookprofile zu checken. Vielleicht schaue ich es mir später an – wahrscheinlich nicht. Es lebt sich ganz gut mit mehr Fokus, ruhigerer Energie und weniger offener Tabs.