Ich war ein sehr unsicheres Kind. Mit anderen sprechen zu müssen, machte mich meistens nervös. Wenn ich dann sprach, war es oft sehr leise und unverständlich. Ich hatte mir angewöhnt, zu nuscheln.
Den Kampf gegen die Unsicherheit, die Wurzel meiner Sprechängste, habe ich vor einiger Zeit siegreich bestritten. Das Nuscheln allerdings blieb weiterhin ein Begleiter, hartnäckig hatte es sich in meinen Gewohnheiten fest verankert.
Das Nuscheln musste weg.

Am ersten Tag stellte ich mich in mein Zimmer und legte meine Schneidezähne auf meine Unterlippe. Beim schubhaften Ausatmen entsteht dabei ein lautes „WWWWWW“. Dann das Gleiche mit der Zungenspitze hinter den Schneidezähnen am Gaumen, so dass ein „NNNNNN“ zu hören ist.
Ab und zu hätte ich dabei gerne laut über mich selbst gelacht. Doch mit diesen beiden Übungen wärmte ich den Resonanzraum in Bauch und Nase auf.
Danach sprach ich schnell und laut Konsonanten wie zum Beispiel P, K oder T aus.
Als letztes marschierte ich in unsere Abstellkammer, schnappte mir einen Korken aus einer der leeren Weinflaschen und steckte ihn mir zwischen die Zähne. Mit dem Ding im Mund versuchte ich so deutlich wie möglich aus einem Buch vorzulesen.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt müssen meine Nachbarn mich für bescheuert gehalten haben. Wir haben dünne Wände.

Jeden Tag widmete ich mich so meiner Stimme und meiner Aussprache für mindestens 15 Minuten.
Auch jetzt, nach dem Ende der Challenge, benutze ich diese Übungen immer wieder im Alltag. Wenn auch weniger, so gibt es nach wie vor Momente in denen ich etwas undeutlich spreche. Um das Nuscheln vollständig abzulegen, wird ein längerer Zeitraum notwenig sein als ein Monat.
Doch das Bewusstsein, und somit auch die Aussprache selbst, hat sich dauerhaft gestärkt.
Die Challenge war also wider erwarten nicht die sofortige Lösung des Problems, sondern der erfolgreiche Beginn eines Prozesses, um diesen unerwünschten Begleiter endgültig zu verabschieden.